Montag, 22. November 2010

Bierwasser, Hahnenkaempfe und Nussknacker

Einen wunderschoenen guten Nachmittag meine Damen und Herren,

nach drei weiteren Wochen strammer Zauberei, Carpal-Tunnel-Syndrom-foerdernder Schreiberei und etwas militantem Studieren zwischendurch, schickt sich der November an, brav mit dem laengsten Wochenende des Jahres zu enden: Am 24.11. ist Thanksgiving, das Truthahn-traditionelle und von Voellerei und Shopping gepraegte US-Erntedankfest, dass bis zu den ersten Pilgern, Pocahontas und Pockendecken (um die Indianer schoen warm mit fiesen Krankheiten einzudecken und sich ihr Land und ihre Truthaehne zu krallen) zurueck reicht.

Gespickt mit einem frischen Aufgebot an Paraden, Hausaufgaben und Praesentationen naeherte sich der Oktober mit grossen Lachern, bereitgestellt von Vollzeit-Comedians wie Jim Gaffigan und Halbzeit-Komikern wie unserem Human Resource Management Dozenten ("Im Vorstellungsgespraech mit Stuehlen zu werfen ist ein Zeichen gesunder Motivation!"), dem wohlverdienten Ende. So wurde etwa ein 4. "Alkohol ist schlecht fuer Euch" Briefing unserer uebergeordneten Fuehrung am Mittag brav abgenickt, um dann des abends mit amerikanischem Bier-Wasser (bin ich froh, dass ich nur Milch mit Honig trinke!) verdaut und des Nachts (nach zu viel schlechtem Wasser im Bier...) von den besonders Aufmerksamen noch einmal ueber diversen sanitaeren Einrichtungen und leider auch unserem Fussboden rekapituliert zu werden.

Aehnlich spassig gestaltet sich der Umgang zahlreicher West Point Kadetten mit dem ach so grausigen Thema der Homosexualitaet- im allgemeinen und noch viiieeel schlimmer in den Streitkraeften: Einerseits wird nach Herzenslust gegen die "widernatuerlichen" Kameraden gewettert, die "die Moral der Truppe senken" und das Gemeinschaftsduschen...-aeh, Gemeinschaftsleben beeintraechtigen sollen, andererseits habe ich in meinem ganzen Leben noch nicht so ein vertatschtes Korps wie hier erlebt! Es ist mir schleierhaft, wie das US Militaer mit der "Don't ask, don't tell" (nicht fragen, nicht sagen, ob/dass man im anderen Team spielt) Politik, die kuerzlich unter viel Brimborium FAST abgeschafft/ausgesetzt werden sollte, West Point Kadetten heranzuechtet, die sich auffallend oft, seltsam unbekuemmert und mit frivoler Aufdringlichkeit gegenseitig in Duschen mit nassen Handtuechern und in Formationen oder aus Spass auf die Kehrseite klatschen und den armen UvD (Unteroffizier vom Dienst, der den Nachtwaechter fuer die Kompanie spielen muss und nachts von Stube zu Stube geht, um zu kontrollieren, ob alle 19-26 jaehrigen Soldaten auch keinen Unfug machen...) mit baumelnden Lachsen ueberraschen.
Die interkulturell interessierten deutschen und oesterreichischen Austauschleutnante haben bis heute leider keine bessere Erklaerung fuer diese recht eigenartigen Verhaltensmuster bekommen koennen, als dass "sowas doch lustig ist und zeigt, dass man ein wahrer Kerl ist, der kein Problem mit seiner Sexualitaet hat"... Trotz all dem sind wir hoffnungsvoll, dass die West Point Kadetten in Zukunft etwas weniger Probleme mit der Sexualitaet anderer Menschen/Kameraden und dafuer etwas mehr Zeit zum Reflektieren ihrer eigenen haben...

Wrestling Matches, Kompanie- und Battallionswettkaempfe im Basketball, Handball, Football und Frisbee(!) unterhielten in der letzten Oktoberwoche Kadetten, Dozenten und Offiziere und unser zusammengewuerfeltes Wrestling Team aus 2 Profis und 8 Anfaengern hatte viel Spass, das bis dato ungeschlagene West Point All Star Team werfend, wuergend und windend zu besiegen.

Da Halloween am Sonntag, den 31. Oktober stattfand, wurde bereits am Donnerstag davor ein gruselig-gutes Halloween-Dinner mit Kostuemen, Geisterhaeusern, Nachtwanderungen und grausamen Vorkommnissen (wir erfuhren, dass wir noch Zusatzhausaufgaben einzureichen hatten) veranstaltet.


Netterweise bestand meine Zusatzaufgabe darin, 25 mueden Erstklaesslern einen vom Wolf und interkulturellem Austausch, Kompetenz und Optmimierungsverfahren in sozialer Interaktion zu erzaehlen. Waehrend sich die "Kleinen" tapfer wach hielten, ueberwachten einige wildfremde Captains die Veranstaltung mit Habichtsaugen, nur um am Ende in perfektem Deutsch froehlich zum Lunch einzuladen und ueber Menschenfuehrung im Einsatz zu berichten.

Eine weitere Parade, ein Footballspiel und internationale Deutsch-Aficionados vom alten Oberst aus der Steiermark bis hin zum 10. Klaessler der lokalen Highschool liessen das Halloween-Wochenende wie Graf Dracula im Flug vergehen und die neue Woche wurde in bester West Point Tradition dem ewigen Kampf der zwei groessten Streitkraefte auf amerikanischem Boden gewidmet- die US Army und die US Air Force durften fuer 7 Tage gegeneinander im Sport, im Unterricht, in Debatten und beim Karaoke antreten und einmal mehr vergleichen, wer die besten Kadetten im US Militaer ausbildet.

Auf den vor Arbeit krummen Ruecken der armen Erstklaessler wurden Wasserpistolen-Kriege gegen zahlenmaessig (fast) ebenbuertige, aber professionell hoffnungslos durchnaesste Moechtegern-Piloten gefuehrt, es wurden Stolperfallen, Hinterhalte ("Kein Fruehstueck fuer euch, Air Force Heinis!" und der Schluessel zu der Stube in die man sie im 6.  Stock gepfercht hatte, wurde erst nach zaehen Verhandlungen an den wachhabenden Offizier herausgegeben) und Rekorde (Army: 178 Liegestuetze, 96 Klimmzuege / Air Force 27 Kadetten zu spaet im Unterricht, 13 "verloren" ihre Uniform und "fanden" sie erst zur Abreise wieder) vorgelegt.
In einer Zusatz-Schicht als Kompanie-Nachtwaechter durfte ich das volle (sprich: Auch das inoffizielle) Ausmass des Titanen-Hahnenkampfes zwischen Army und Air Force erleben, doch trotz einiger derber Faxen kam niemand ernsthaft zu Schaden und nur ein grummeliger Major der aussah wie Eddie Murphy, aber nicht mal halb so lustig drauf war, stoerte den Austausch teilstreitkraftuebergreifender Kameradschaft eines Abends und griff sich den erstbesten Kameraden, den er erwischen konnte. Als sich herausstellte, dass dieser Kamerad in seiner Nachtwaechter-Funktion schlicht "Gute Nacht" zu einer Gruppe froehlicher Army Kadetten und einem nicht gar so frohen Air Force Kadetten sagte, aus Deutschland kam und gar kein Kadett mehr war, erlaubte sich Major Eddie den Spass, mich nachts um 1 Uhr in sein Buero zu geleiten und meinen Kompanie-Chef aus dem Bett zu klingeln, "um mich zu belehren, dass ich ungemaesses Verhalten zu melden habe". Meine Beurteilung der Lage und mein Verstaendnis von Kameradschaft wurden netterweise vom Kompanie-Chef geteilt und so durfte ich mich schliesslich trollen, um doch noch eine Muetze voll Schlaf zu kriegen.

Die 3 Stunden Schlaf, die noch uebrig waren, halfen erstaunlich gut, eine weitere Runde Klausuren und ein "Verhandlungs-Training" mit Harvard Professoren und Organ-Prothesen-Vertretern aus Boston zu geniessen. Abends standen dann die Finals der Army/Air Force Sportwettkaempfe an und obwohl West Point sein Moeglichstes tat, die Ami-Luftwaffe zu piesacken und zu schlagen, gewannen die Air Force Luemmel alle wichtigen Sport Events, waehrend Army im Tischtennis, Judo und Schach gewann... : )
Im Kadetten-Club bei Tacos, Tortilla-Chips und Bierwasser/Milch mit Honig liessen es sich schliesslich alle Kadetten, ob Army oder Air Force, gut gehen und die Abschlussklaessler freuten sich auf ihre anstehende "Branch Night".

"Branch Night" in West Point bedeutet fuer die Kadetten der Abschlussklasse, dass sie nach 3 1/2 Jahren Warterei und ohne Truppengattung endlich erfahren, was fuer eine Truppengattung sie denn nun fuer ihre "wirkliche" Army Zeit haben werden. In Abhaengigkeit von Studiennoten, Papi's Beziehungen zu anderen hochrangigen Offizieren und etwas Glueck, hofften 1100 Kadetten am 7.11.2010, dass sie ihre 1.,2. oder wenigstens 3. Wahl von 16 moeglichen Truppengattungen wie Infantrie, Panzertruppe, Artillery, Pioniere, Fernmelder, Militaerpolizei, Militaer-Geheimdienst usw. zugeteilt bekommen. Unter vorfreudigen "USA, USA, USA!!!" Rufen und erneut beeindruckend Hurra-patriotischen Fest-Reden wurden kleine Briefumschlaege an die Kadetten im riesigen Festsahl der Grand Hall ausgehaendigt und nach dem gefuehlt laengsten Gebet West Points brachen die Kadetten gleichmaessig verteilt in Jubel, Traenen oder Schimpftiraden aus.

Bei der anschliessenden "Branch-Party" wurde es zunehmend egal, ob jemand in die so sehr erhoffte "Infantrie" oder in die so oede wie schlecht dargestellte "Logistik-Truppe" kam, die Kadetten bekamen Hot Dogs, Baseball-Muetzen, T-Shirts und Action-Figuren ("G.I. Joe" Kaempfer-Maennchen fuer die harten Infanteristen) in die Hand gedrueckt und rueckten Freude als auch Verstimmung mit Bierwasser zu Leibe. Die "Branch Night" endete schliesslich mit 90% der Kadetten froh und mittelpraechtig blutend, weil sie sich ihre Truppengattungs-Embleme in Form von Ansteck-Pins aus alter, offiziell verbotener, inoffziell sogar bei den Logistikern geforderter, Tradition nicht AN sondern DURCH ihre Uniform und in ihr Fleisch pinnen. Obwohl diese Praxis das Gefummel mit den Ansteckmuttern erspart, saut es selbst die widerstandsfaehigen grauen West Point Uniformen erheblich ein und sorgt fuer leichte Behinderungen bis hin zu Blutvergiftungen, die alljaehrlich und routinemaessig in der West Point Kadettenklinik im Akkord behandelt werden.
Der November rauschte mit weiteren Disziplinarverfahren fuer alle moeglichen und teils unmoeglichen West Point Kadetten vorbei (  a) wer rennt denn bitte voellig nackt um Mitternacht ueber den Exerzierplatz und groehlt wie am Spiess? b) wer laesst sich dabei auch noch erwischen?!), liess unser Kompanie-Wrestling-Team den 3. Platz in den Brigademeisterschaften verpassen, aber die Saison und ihr Finale geniessen und wurde durch eine Flut zu schreibender Hausarbeiten zusaetzlich beschleunigt. Zwischen hochpolitischen Themen zum Regimewechsel in Nord Korea und dem immer schnelleren Abdriften von internationalen und US Sicherheitsbestimmungen in Gebiete, die vor 10 Jahren noch Visionen wie "1984" und "Brave New World" oder "Matrix" vorbehalten waren, sorgte das russische Staatsballet mit der Auffuehrung des "Nussknackerprinzen" fuer vorweihnachtliche Entspannung und beeindruckte Gesichter. (nur unser kirgisischer Kamerad, der das Original in Moskau gesehen hat, meinte, dass die West Point Auffuehrung hoechstens drittklassig war : )

Die Kadetten verschafften sich ihre eigene kulturelle Abwechslung, indem sie amerikanische Hochkultur pflegten und sich ganz im Sinne der 80er/90er Jahre Game-Show "American Gladiators" in Football-Montur und Halloween-Kostuemen mit riesigen Zahnstochern auf die von Hausarbeiten abgehaerteten Rueben knueppelten. In logischer Fortfuehrung des US Kulturprogramms wurden einige Kampfsport-Freunde unserer Kompanie am letzten Sonntag schliesslich von unserem Kompanie-Chef in sein absolut stereotypisches Ami-Vorstadt-Haus in der absolut stereotypischen Vorstadt-Nachbarschaft von West Point eingeladen, um gar nicht stereotypisch von ihm und seiner italienischen Frau bekocht zu werden und uns "UFC 122", "Kaempfer im Kaefig" aus Deutschland 'reinzuziehen.

Ladies und Gentlemen, ich freue mich, Ihnen beim naechsten Mal ueber die Infiltration der USA durch die Volksrepublik China, das glorreiche Vermaechtnis der Firma "SEGA" und ueber das bevorstehende Thanksgiving-Erntedankfest vortragen zu duerfen und wuensche Ihnen eine angenehme Woche und Holido!

         

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