Freitag, 24. September 2010

Sommer, Herbst und wieder Sommer

Guten Nachmittag meine Damen und Herren,

wie geht es Ihnen an diesem Freitag? Laune gut, Wetter gut, alles gut? Wenn das der Fall ist, willkommen im "Club der Wetter-Psychologen", einem Ableger des experimentellen Sozialpsychologie-Kurses, der sich mit den psychologischen Potentialen von Klima und Geographie befasst.

Bis jetzt brauchen wir uns keine Sorgen um das Wetter zu machen: Wir rennen hier immer noch jeden Tag bei 20-30 Grad umher, alle Jubeltage, wenn nichts Offizielles stattfindet, regnet es brav und "unzaehlige Flugzeuge sorgen dafuer, dass wir immer das richtige Wetter haben..." (Zitat Geographic and Environmental Sciences Department).

Wenn die sommerlichen Temperaturen besonders hoch und der Gehalt akademischer Vorbereitungen besonders niedrig ist, empfiehlen die Kadetten in West Point sich zwei Kuehlschraenke zusammenzuorganisieren. Mit ein bisschen MacGuyver-Spirit und einer Stromrechnung die eh' auf's Haus geht, kann man es sich zwischen zwei offenen und auf "Tief-Frost" gestellten Kuehlmonstern gemuetlich machen ohne sich etwas dabei denken zu muessen. Trotz soviel beeindruckender Zweckentfremdung und Dreistigkeit bleibt abzuwarten, ob die armen Kuehlschraenke eines Tages wieder ihrer uspruenglichen Bestimmung zugefuehrt werden.

Zwischen ein paar Paraden, sprichwoertlichem Saebelrasseln, stramm stehen und schneidig kucken lockern grenzlegale Hausdurchsuchungen das Kadettenleben luftig auf. Als die anderen Gruppenfuehrer und ich am 9.9.2010 um 5 Uhr morgens zum Kompaniechef geordert wurden, hiess es, dass wir eine "Gesundheits- und Wohlfahrts-Inspektion" durchfuehren werden. Das "Wohl und die Gesundheit" der Kadetten wurde frei nach Bertolt Brecht so ausgelegt, dass alle Kadetten, auch die weiblichen, ALLES, was sie besassen, hervorzeigen mussten, alle Taschen, Tueten, Gefaesse und Kaenguruh-Beutel (arme Kaenguruhs!) ausleeren mussten und wir nach "Gesundheit und Wohlfahrt" suchen sollten. Wer sich mit Drogen, abgelaufenen Medikamenten, Waffen, Schmuddelheftchen oder aehnlichem erwischen liess, wurde von Militaerpolizisten verhoert. Die 90%, die nichts dergleichen hatten, durften den restlichen Morgen damit verbringen, ihre verwuesteten Stuben wieder aufzuraeumen oder schliefen auf dem Flurboden, waehrend ihre Betten, Bettwaesche und BLUMENTOPEFE durchsucht wurden.

Mittlerweile hat sich hier ein stetig anschwellender Strom an Klausuren, Hausarbeiten und Kursprojekten eingeschlichen, dem im Allgemeinen mit Gleichgueltigkeit bis zur Nacht vor der Ableistung begegnet wird, um dann innerhalb der letzten Stunden derart hoch zu eskalieren, dass man das Gefuehl hat, wir werden jeden Moment von den rachsuechtigen Kaenguruhs in ihren fliegenden Kuehlschraenken angegriffen. Wenn literweise Kaffee, Red Bull und kleinere, noch viel haerter aufputschende Getraenke intravenoes zu sich genommen werden, wenn man denkt, man hoert das Zirpen von New Yorker Grillen und feststellt, dass es 500 Kadetten sind, die wie die Bekloppten auf ihre Tastaturen haemmern, dann weiss man, dass ein Pruefungs/Abgabetag bevorsteht. An dieser Stelle moechte ich den preussischen Reformern, den Humboldt Bruedern und der Helmut-Schmidt-Universitaet danken, dass unsere humanistische Lehr- und Lerntradition uns (noch und meistens) vor solchen Bildern des Schreckens bewahrt hat.

Diejenigen, die den akademischen Meltdown ueberleben, finden sich, obwohl uniformierten Zombies aehnelnd, umso entspannter zu militaerischen Freizeitveranstaltungen wie "Kompanie-Voelkerball" und "Zug-Wettgrillen" ein. Gestaerkt mit Rippchen und Rumpsteak, zu den immer noch schlicht komisch klingenden Klaengen von Hip Hop und Ami-Pop, katapultieren sich alle West Pointler, vom Oberst bis zum Erstklaessler, Baelle auf's Gesicht und sich ins Wochenende.

Der 11.9.2010 wurde mit allen militaerischen und amerikanischen Wuerdigungen begangen und fing damit an, dass wir eine Gedenkparade vor 10.000 Zuschauern veranstalteten, bei der viel marschiert, schneidig schief gesungen und ueberhaupt nicht gesprochen wurde. Im Anschluss wuchs die Zahl der Besucher auf 30.000 an, denn das West Point Football Team empfing das Hawaiianische Football Team zum ersten Spiel der Saison im eigenen Stadion. Waehrend die Sonne und unzaehlige Kanonenboeller knallten (jedesmal, wenn das Army Team was Dolles gerissen hat, wurden zwei Geschuetze abgefeuert), Fallschirmspringer im Stadion landeten, ein Rentner im Torwand-Werfen einen Jeep gewann, Cheerleader und Maskottchen um die Wette huepften und alles wie am Spiess groehlte, schaffte es unser Team die Niederlage aus den Klauen des Sieges zu mopsen. Mit 28-31 verlor das West Point Team in der letzten Minute, was zu kurzzeitig betretenen Gesichtern (West Point) und dem weltberuehmten Kriegstanz des hawaiianischen Teams fuehrte.
Der neunte World-Trade-Center Gedenktag endete schliesslich so sportlich wie er angefangen hatte, als unsere Kompanie schlappe 14 Kilometer zum West Point eigenen Uebungsplatz joggte, um die fuer die Tagesbesucher dort hinverfrachteten Autos wieder einzufangen.

Als letzte Woche der franzoesische Colonel Yves (Rocher!) seine Gastlesung ueber das franzoesische Militaer und dessen Sicherheits- und Verteidungsstrategie-Netzwerk hielt und als der alte US General McCaffrey uns ueber die Sicherheits- und Verteidigungspolitik der USA aufklaerte, wurde uns versichert, dass bis zum Jahr 2014 keine reale terroristische Bedrohung mehr fuer die Welt bestehen sollte. Unter viel Hurra-Patriotismus und mit sicherlich teils gerechtfertigter, teils beaengstigend absoluter Ueberzeugung, wurden die Kadetten auf ihre Kriegseinsaetze eingeschworen. Mitunter wurden sogar die Rechtfertigungen fuer die Afghanistan und Irak-Operationen hinterfragt, doch entweder konterte der generalische Haudegen mit der besten Begruendung, seit es das Militaerwesen gibt- "Is' so!"- oder die Kameraden drueckten ihren Unmut ueber solcherlei Blasphemien gleich selbst aus. Das denkwuerdigste Zitat des Tages kam von meinem CIA-Agenten-Internationale-Beziehungen Dozenten:"Sieh' dir das genau an, unsere Oeffentlichkeitsarbeit hat bereits hier die kritische Masse erreicht, Amerika braucht sich keine Sorgen zu machen...".

Der Grossteil der letzten Tage wurde zusaetzlich interessanter fuer mich, als ich letzten Mittwoch aufwachte und aussah wie Gerard Depardieu: Meine Nase war ueber Nacht fast doppelt so gross geworden, angeschwollen und nicht eben ansehnlich. Einer Internationale-Beziehungen-Klausur und einer Psychologie-Hausarbeit zum Trotz, liess sich meine Nase nicht zur Heilung ueberzeugen und alles, was ich beim Wrestling tun durfte, war mich zum Doc zu begeben und die armen Sportler nicht weiter zu erschrecken. Wie sich spaeter herausstellte, habe ich zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen, oder besser gesagt, zwei daemliche Infektionen von einem Satz dreckiger Wrestlingmatten bekommen. Bevor ich jedoch ueber's Wochenende im so komfortablen wie luxorioesen West Point Krankenhaus wie ein Koenig behandelt wurde, nahmen die deutschen Austauschleutnante und ich (mit Ninja-Gesichtsmaske) an der Operation "Black Hawk UP" teil.
Zusammen mit den entspanntesten Piloten der US Army flogen wir im UH-60 Black Hawk Helikopter ueber West Point, Huegel, Wald und Fluesse Achterbahn. Getreu dem Motto "Geradeaus fliegen kann jeder", durften wir bei offenen Tueren und 10 Meter ueber den Baumwipfeln Heeresflieger spielen.


Die (wirklich) allerletzten Tage vor diesem hier waren gekennzeichnet von mehr Klausuren, einer sich der vereinten Kraft amerikanischer Antibiotika und Anti-Viren-Pillen beugenden und heilenden Nase und herrlichem Sommer-Herbst-Sommer Wetter.

                                                              

La Ladies und Gentlemen, Ihnen allen ein schoenes Wochenende, lassen Sie es sich gut gehen und Yewhaa bis zum naechsten Mal!     
         

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