Samstag, 21. August 2010

Unterricht, Unfassbares und Unterhosen

Einen schoenen guten Abend Ladies und Gentlemen,

lassen Sie mich heute mit einer Frage beginnen: Was haben CIA Agenten, mexikanische Waeschereifachfrauen und "Der Herr der Ringe" gemeinsam? *andaechtiges Schweigen, Grillen zirpen, jemand hustet, ein Wuestenbusch kullert vorbei*



Genau! Sie alle finden sich zum Start des akademischen Jahres in West Point ein und sorgen dafuer, dass selbst eine erste Schulwoche hier zum pompoesen Staatsakt geraet. Uniform und Zaehne herausgeputzt (die Zahnseidenindustrie boomt allein dank West Point, West Points Krankenstation boomt dank der Kadetten, die's schamlos uebertreiben und sich das Zahnfleisch gleich mit weg putzen), 6.30 Uhr (ist hier wie ausschlafen) antreten, Fruehstueck essen und...- Hausaufgaben machen! Noch vor der ersten Unterrichtsstunde bekommt man bereits Homework auf. Diese beschraenkt sich dabei nicht auf "ein paar Seiten zur Einfuehrung lesen", sondern man moechte von uns Lebenslauf und ca. 40 Seiten pro Kurs gelesen und angewandt haben. Bei Klassengroessen von rund 14 Kadetten und der im Vergleich zur West Point Schuluniform richtig froehlichen deutschen Uniform, ist es dabei schwer, den hoch motivierten Lehrern aller Karrieren und Altersgruppen zu entgehen. Wenn hier EINER seine Hausaufgaben nicht gemacht hat, gibt's 'nen Test fuer alle, zum Glueck hat unsere Klasse das begriffen und wir enden nicht wie andere Kurse mit taeglichen Tests und fies-fordernen Fachleerkoerpern. Franzoesisch auf Englisch als Deutscher ist ein herrlicher Ersatz fuer den droegen zweiten Teil allgemeinerziehungswissenschaftlicher Theorieanalyse, der die deutschen Kameraden in Hamburg langweilt.
Human Resource Management ist wie unser gutes altes Personalmanagement, nur auf teuren Chefsesseln und mit einem hochmotivierten Major, der vorher in Afghanistan die AFNA (Afghan National Army) Offizierakademie mit eingerichtet hat.
Der Militaerkurs "Militaersysteme im Vergleich" wird von einer Frau Hauptmann unterrichtet, die sich jedoch selbst mit 5 West Point Kadetten nicht gegen die Infiltration ihres Unterrichts von 5 Deutschen und zwei Oesterreichern zur Wehr setzen kann. (Die Uebernahme West Points verlaeuft wie geplant :)
Obwohl der erste Schultag so ausklang, wie er anfing- mit Hausaufgaben fuer den naechsten Tag- hat er einfach nur Spass gemacht und das insgesamt positive Gefuehl vermittelt, dass 55 Minuten Unterricht und ca. 2 Stunden Vor/Nachbereitung pro Fach gut zu bestreiten sind. Da der offizielle Kompanie- und Clubsport noch nicht angefangen hatte, verbrachten die Kadetten ihre Nachmittage damit, auslaendische Mitstudenten bei 40 Grad Celsius, Gewitterschwuele und Huegeln, sooo vielen Huegeln, an die Fitnessstandards West Points zu gewoehnen.
Nach 45 Minuten laufen, reanimiert werden und 45 Minuten anstehen, um Dinner zu bekommen, stellten sich schliesslich am Abend die 100+ verschiedenen Clubs fuer Sport, Jagen, Sprachen, Religionen, Militaeraktivitaeten und EICHHOERNCHEN vor. Von einem Stand zum naechsten schlendernd, beladen mit free snacks und Flyern, wird man werbewirksam zur freiwilligen Teilnahme im Frauen-Squash, Zionisten-Club und dem Verein zum Schutz der lokalen Tierwelt (Eichhoernchen!!) gedraengt, obwohl man doch bloss zum Karate will.
Die Schulwoche verlaeuft hier in dem Schema: Unterrichtstag 1- Fach X,Y,Z dann Unterrichtstag 2 -  Fach A, B, C und dann wieder Tag 1 usw. Der zweite Schultag begann damit, dass wir zur Uniform und Haar-Inspektion antraten und wurde im Fach "Internationale Beziehungen" von unserem CIA Instructor sehr spannend gemacht, weil wir uns alle vorstellen mussten, waehrend er uns mit einem ellenlangen, aber dauerzensierten Lebenslauf erheiterte, der uns nicht einmal seinen richtigen Namen mitteilte.
"Experimentelle Sozialpsychologie" wird von einer schwer an Frau Rodd erinnernden Frau Oberst gelehrt, die so schnell sprechen kann, dass sie 10x "experimental social psychology" in 7 Sekunden sagen kann, ohne sich zu verhaspeln. (sie hat es uns messen lassen!)
Nachmittags stellte sich noch fix der Dekan der Akademie vor, die armen, zahnfleischverletzten Zahnseidenafficionados schauten neidisch, als sich unser gesamtes "Combat Grappling" Team innerhalb von 5 Minuten einen Mundschutz anfertigen liess und zum Training marschierte. Nach "Wrestling mit fiesen Tricks" (offizielle Werbung fuer's Combat Grappeln) und weiterem Huegel-rauf-rauf-und-irgendwie-nie-runter-Laufen, gab's wieder Homework, Dinner und etwas Schlaf.

Der 18.08.2010 fing gut an, es war wieder Tag 1 des Stundenplans, aufgelockert durch Stubendurchgaenge, Trips zur Waescherei und zur Post (nette Mexikaner in allen Situationen!) und nachmittags einem Einkauf im West Point eigenen Supermarkt. Leider endete der Tag nicht, wie er anfing, er endete noch nicht einmal wie irgendein normaler Tag. Am Abend des 18.08.2010 wurde bekannt, dass sich "Das letzte Einhorn" in einem alternativen Ende des gleichnamigen Films ins Meer gestuerzt hatte. Da ich in den letzten Jahren ein sehr grosser Fan des Einhorns gewesen bin, konnte ich dieses Ende nicht fassen. Alles, was im Moment moeglich ist, ist darum zu trauern und dennoch seinen Auftrag wahrzunehmen, den Auftrag West Points und der Bundeswehr ("geh' brav studieren!") und den Auftrag des Lebens selbst ("Lebe!"). West Point ist- ob im Guten oder im Schlechten- jedenfalls so ziemlich der beste Ort, um sich abzulenken und professionell von allem, was nicht mit West Point zu tun hat, abgelenkt zu werden (Eichhoernchen > Einhoerner). Abstrakte Spielchen wie "wenn die Abschlussklasse feiern geht, trauen sich die Erstklaessler aus ihren Hoehlen und pruegeln in Helm und kugelsicherer Weste mit Kissen aufeinander ein, bis einer, dem es nicht gefaellt und der was zu sagen hat, sie alle zum Straf-Appell holt"
sorgen fuer Unterhaltung, sportliche Betaetigung und teils merkwuerdig-gruselige Anblicke kuenftiger Fuehrungskraefte in Unterhosen.











In loving memory of the last Unicorn, "Dream On" by Ronnie James Dio.  

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