Sonntag, 29. August 2010

The Ring, Ringer und Ringelnatz (Joachim)

Meine Damen und Herren,

es freut mich Ihnen mitteilen zu duerfen, dass West Point ROCKT! Was hier abgeht, kann in keiner Show naturgetreu nachgestellt werden: Es gibt Kadetten, die morgens nicht zum Antreten erscheinen, weil sie "den menschllichen Wecker" nicht gehoert haben, der hier vor jedem offiziellen Ereignis in Form von 50 armen Erstklaesslern auf die Flure tritt und aus vollem Hals "ACHTUNG KADETTEN, NOCH 5 (dann 4,3,2,1) MINUTEN BIS ZUM ANTRETEN! UNIFORM IST..., ES GEHT UM..., ZU ESSEN GIBT ES...(mein Favorit!)" groehlt. In unserer "Militaersysteme im Vergleich"-Klasse durften wir tiefenenstpannten Obersten aus der spanischen und britischen Armee lauschen, die ueber unzuverlaessige und dauernd Pause machende Italiener laesterten ("die arbeiten noch weniger als wir- und wir haben 3 Stunden Siesta!", Zitat Col. Jose), die NATO Hauptquartiere effizienter gestalten wollen und sich um interkulturelle Schwierigkeiten bei multinationalen Einsaetzen Gedanken machen.

Freitag Nachmittag wurde die Neuauflage von "The Ring" im riesigen "Dwight D. Eisenhower" Festsaal gedreht: 1000 Abschlusskadetten bekamen ihre "Jahrgangsringe" und waren wunderwas stolz und gluecklich und am Feiern ueber ihre zumeist sehr ansehnlichen Schmuckstuecke. Wenn die Kadetten auch alle gleich ekstatisch waren, so gab es doch verschiedenste Formen, Farben und vor allem Preisschildchen von den Ringen zu vergleichen: Es gab "nur" 600 $ Ringe als Budget-Loesung und 20.000 $ Ringe fuer diejenigen, die gleich ihre ganze Hand mit versichern liessen. Vom Gefuehl her wie Jugendweihe, vom Preis also wie mehrere Hochzeiten wurde das "Ring Weekend" eingelaeutet. Waehrend sich die meisten "Ringer" schleunigst aus dem Staub und zu ihren Familien aufmachen wollten, sorgte eine weitere sehr ominoese West Point Tradition dafuer, dass ein paar arme Abschlussklaessler ihre Zuege und Fluege nicht erwischten, weil sie, umringt von Luemmeln aus der ersten Klasse, staendig ihren Ring zeigen mussten. Besonders viel Zeit geht dabei drauf, wenn 40 Erstklaessler einen "Ringer" in eine Ecke draengen, jeder von ihnen einen zwei Minuten langen "Ring Spruch" aufsagt (den man schon nach dem zweiten Mal nicht mehr hoeren kann, aber die Kadetten troeten ihn voellig schmerzfrei jeden Tag und freuen sich selbst nach 10 Mal Hintereinander-Aufsagen beim Mittag noch drueber) und der arme "Ringer" verpflichtet ist, jeden Schreihals den Ring begrappeln zu lassen.
Nach vielem Ring-Hin-und-Her Gezeige, wilden Feiereien im angrenzenden Doerfchen Garrison und "Ausschlafen" bis 6.30 Uhr, ging es Sonnabend schliesslich zum hochoffiziellen "Ring Dinner", auf dem sich die Militaer-Elite der USA gegenseitig die klunkerverzierte Klinke in die schwer beringte Hand drueckte. Die Eltern meines Stubenkameraden Rob kamen uns in unserem "Room" ueberraschen, als wir uns gerade fuer's Dinner fertig machten und, ganz Ami-Style, wussten nicht recht, wie sie mit der Situation umgehen sollten und fluechteten sich zwischen ein paar Raumteiler-Kleiderschraenke, nur um durch die Schrankwand mit uns Small-Talk zu betreiben, waehrend wir uns preparierten. Rob's Vater ist ein alter Airforce Oberst, der in Florida Exo-Skelette fuer Lockheed-Martin entwickelt, "Terminator" als veraltet betrachtet und, nachdem er dort seine Ferien verbracht hat, die Insel Usedom als das Florida Europas lobt!

Das "Ring Dinner" war ein von vielen Toasts und Reden unterbrochenes, sehr reichliches Essen fuer 5000 Personen in der "Harry Potter Grand Hall" und sorgte neben munteren Tischgespraechen mit allesamt deutschaffinen Eltern und drallen Schwestern von Kadetten fuer heftiges Glitzer-Gala-Feeling. Nach 1000-Kalorien-pro-Stueck-Torten-Dessert wurde auf dem anschliessenden Cocktail-Emfang zwar nicht besonders viel getanzt, dafuer umso mehr gesmalltalkt und geprotzt.


Die neue Woche startete stilgemaess mit dem Besuch des deutschen Generals Clauss, der von unserem Verbindungsoffizier DJ in die Gepflogenheiten der USMA eingefuehrt wurde, schnell ein (Bundes?-)Verdienstkreuz verlieh und eine ergreifende Rede zum Fuehrungssystem der Bundeswehr hielt.

Nachdem wir Austauschstudenten etwas guten Eindruck schinden konnten, durften wir uns beim "Combat Grappling" wieder mit Wuergegriffen, Submission-Wrestling und anderen Nettigkeiten austoben. Da es vorkommen kann, dass man fuer das Dinner-Buffet einfach mal 1 Stunde anstehen muss, weil 4000 Kadetten gleichzeitig Hunger und nur 1 1/2 Stunden Zeit zum Essen aussuchen haben, sorgen organisatorische Cliffhanger wie "ach ja, ihr muesst bis morgen frueh eure Betten ausgetauscht haben, die hier sind zu alt" dafuer, dass man bis Mitternacht durch 6 Stockwerke gurkt, um 100 Kilo-Betten in den Keller und gefuehlte 1000 Kilo Betten wieder in seine Stube zu wuchten.

Neben Moebelspass zur Geisterstunde ereignen sich jedoch auch wirklich heftige Dinge in good old West Point, die so nur hier geschehen koennen: Eine Kadettin im zweiten Jahr hat sich entschieden, die US Army zu verlassen, weil sie sich von der "Don't ask, don't tell" Politik in Bezug auf homosexuelle Soldaten in ihrer Persoenlichkeit usw. eingeschraenkt fuehlt. Die Politik wird hier schon seit Jahren und kontrovers diskutiert, sie wird wahrscheinlich abgeschafft, doch das Problem an der Sache ist eher, dass die arme Kadettin aus ihrer West Point Stube heraus, in Uniform und recht...-umfangreich- ein nicht genehmigtes Interview fuer einen grossen US Fernsehsender gegeben hat und nun politisch gesehen die Fuehrungsetage brennt. Die Kadettin hat ohne Frage aus wichtigen persoenlichen Motiven, aber im Effekt sehr fragwuerdig gehandelt, wurde bereits mit einem Vollstipendium an die Yale University gelockt und die USMA macht Schlagzeilen ohne Ende. Solche Vorfaelle beeintraechtigen jedoch nicht das Gute-Laune-Programm unseres Generals Clauss, sie sorgen vielmehr fuer noch mehr Gespraechsstoff, wenn er mit uns Austauschleutnanten zur "Hudson River Rundfahrt" schippert.
Auf einem Kahn voller hoher Offiziere und Fremdsprachenexperten durften wir bei herrlichem Wetter und Buffet-Dinner soldatische Anekdoten, militaerische Enthuellungen und den Sonnenuntergang geniessen.


Die ersten akademischen Tests, in Franzoesisch und Personalmanagement, waren erfreulich angenehm zu nehmen, Stubendurchgaenge und Betteninspektionen ein Wirr-Warr aus Vorschriften, Auslegungen und Albernheiten und die militaerische Ausbildung an US Funkgeraeten und Landkarten ein nostalgisches Schwelgen in Erinnerungen an die eigene Grundausbildung. Bevor den West Point'lern langweilig wird, veranstalten sie schnell mal ein "Spirit Dinner", fuer welches sie sich in Kostuemen, Aufmachungen ihrer Sport-Stars oder in Zivil zum strammen Antreten treffen, der

Battalionskommandeur als Julius Caesar verkleidet die Parade abnimmt und dann alles in die Grand Hall stroemt, um sich von kleinen Erstklaesslern unterhalten zu lassen. An unserem Tisch wurde Joachim Ringelnatz von einem Kadetten auf Deutsch vorgetragen, was zur heftigen Belustigung der Allgemeinheit beitrug.
Am Ende der Woche trafen sich alle Abschlussklaessler in der West Point eigenen Bowlingbahn, um mit 3 Stunden bowlen, Pizza und Getraenke all-inclusive (fuer nur 15 $ pro Person, wow!) die lustige "Ring(er)(elnatz)Woche" ausklingen zu lassen.
Redakteur Ronnie Ringel und Rerik Rsteffen wuenschen Ihnen einen angenehmen und erfolgreichen Start in die Woche!

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